Warum Spiel bei Trauer wirkt — und was wir darüber wissen und was nicht

von | 24 September 2026

Bestatter und Lehrkräfte fragen mich regelmäßig: Gibt es eigentlich Belege dafür, dass Spielen hilft, wenn ein Kind trauert? Die ehrliche Antwort ist mehrschichtig. Zu manchen Teilbereichen ist die Literatur eindeutig, zu anderen dünn, und zum Material selbst gibt es so gut wie keine Forschung. Im Folgenden trenne ich das auseinander.

Was Kinder vom Tod verstehen

Das Todeskonzept ist kein Schalter, der in einem bestimmten Alter umgelegt wird. Die Forschung unterscheidet einzelne Bestandteile: dass der Tod unumkehrbar ist, dass Körperfunktionen aufhören, dass alle Lebewesen sterben, und dass es Ursachen gibt. Speece und Brent zeigten bereits in den 1980er-Jahren, dass die meisten Kinder diese Bestandteile zwischen dem fünften und siebten Lebensjahr erwerben, und dass sie nicht gleichzeitig kommen. Neuere Forschung bestätigt dieses Bild und differenziert es: Unumkehrbarkeit und Unvermeidbarkeit werden oft früher verstanden als die Einsicht, dass alle Lebewesen sterben.

Praktisch heißt das zweierlei. Ein vierjähriges Kind, das fragt, wann Papa zurückkommt, ist weder verwirrt noch gefühllos; ihm fehlt schlicht noch ein Teil des Begriffs. Und das Alter ist ein schlechter Maßstab: Erfahrung und das, was zu Hause darüber gesagt wurde, machen den Unterschied.

Ausschließen schützt nicht

Der Reflex, Kinder von Krankheit, Sterben und Bestattung fernzuhalten, kommt aus einer guten Absicht. Die Forschung stützt diesen Reflex nicht.

Das bekannteste Beispiel stammt aus Schweden. Kreicbergs und Kolleg*innen befragten Eltern, deren Kind an Krebs gestorben war. Von den Eltern, die mit ihrem Kind über den nahenden Tod gesprochen hatten, bereute es niemand. Von denen, die es nicht getan hatten, bereute es gut ein Viertel, und am stärksten bei Eltern, die vermuteten, dass ihr Kind es selbst bereits wusste.

Rund um die Bestattung ist das Bild weniger eindeutig, weist aber in dieselbe Richtung. In einer US-Studie mit über dreihundert Kindern, die einen Elternteil verloren hatten, ging es Kindern aus Familien ohne Rituale längerfristig schlechter, und die Teilnahme an der Aufbahrung hing mit besseren Ergebnissen nach einem und zwei Jahren zusammen. Silverman und Worden fanden bereits früher, dass nahezu alle Kinder bei der Bestattung ihres Elternteils anwesend waren.

Wichtig ist, wás diese Studien genau zeigen. Es sind Beobachtungsstudien: Sie zeigen Zusammenhänge, keine Ursachen. Ein aktueller Überblick von Burrell und Selman kommt deshalb vorsichtig zu dem Schluss, dass der Nutzen eines Rituals vor allem darin liegt, es selbst mitgestalten und auf eigene Weise Abschied nehmen zu können, nicht in der bloßen Anwesenheit.

Was Spiel leistet

Dass Spiel für Kinder eine Art ist zu verarbeiten, was sie noch nicht in Worte fassen können, ist in der Entwicklungspsychologie kein umstrittener Gedanke. Für Spieltherapie als Behandlungsform gibt es zudem meta-analytische Belege: Bratton und Kolleg*innen fanden über 93 Studien einen großen durchschnittlichen Effekt, und die spätere, methodisch strengere Meta-Analyse von Lin und Bratton kam über 52 kontrollierte Studien auf einen mittleren Effekt.

Hier gehört eine deutliche Einschränkung hin, und die mache ich lieber selbst, als dass ein anderer sie macht. Spieltherapie ist eine Behandlung durch eine ausgebildete Fachkraft über mehrere Sitzungen. Das ist etwas anderes, als ein Kind am Tag vor einer Bestattung mit einem Bestattungswagen spielen zu lassen. Diese Meta-Analysen belegen nicht, dass Bestattungsspielzeug wirkt; sie belegen, dass Spiel ein ernstzunehmendes Medium in der Arbeit mit Kindern ist.

Was wir nicht wissen

Es gibt, soweit ich weiß, keine kontrollierte Forschung zu Bestattungsspielzeug. Die wird es vorerst auch nicht geben: Man teilt trauernde Kinder nicht per Los einer Kontrollgruppe zu, und das Ergebnismaß wäre unklar. Was ich darüber sage, stammt also aus Praxiserfahrung und aus dem, was angrenzende Forschung plausibel macht, nicht aus Wirksamkeitsstudien. Wer behauptet, dieses Material verarbeite Trauer oder beuge Problemen vor, behauptet mehr, als sich behaupten lässt.

Was das für die Praxis bedeutet

Drei Dinge sind gut belegt, und diese drei reichen, um danach zu handeln.

Ehrliche, auf das Kind abgestimmte Information ist besser als Schweigen. Beteiligung an dem, was geschieht, ist besser als Ausschluss, sofern das Kind mitbestimmen kann, wie. Und Spiel ist bei jungen Kindern eine ernsthafte Art zu begreifen, keine Ablenkung von der eigentlichen Arbeit.

Das Material, das ich entwickle, ist dafür Werkzeug. Es macht das Gespräch konkret: Du kannst zeigen, was im Krematorium geschieht, statt es zu beschreiben. Es gibt auch dem Erwachsenen Halt, und das ist keine Nebensache, denn viele Fachkräfte berichten, dass sie das Gespräch aufschoben, weil sie selbst nicht wussten, wie anfangen. Was es nicht leistet: die Arbeit abnehmen. Nah bleiben, ehrlich sein und das Tempo beim Kind lassen, das bleibt Menschenarbeit.

Quellen

  • Speece, M. & Brent, S. (1984). Children’s understanding of death: a review of three components of a death concept. Child Development, 55(5), 1671–1686.
  • Panagiotaki, G. u.a. (2018). Children’s and adults’ understanding of death: cognitive, parental, and experiential influences. Journal of Experimental Child Psychology.
  • Kreicbergs, U. u.a. (2004). Talking about death with children who have severe malignant disease. New England Journal of Medicine, 351, 1175–1186.
  • Fristad, M. u.a. (2001). The role of ritual in children’s bereavement. OMEGA – Journal of Death and Dying, 42(4).
  • Silverman, P. & Worden, J.W. (1992). Children’s understanding of funeral ritual. OMEGA – Journal of Death and Dying, 25(4).
  • Burrell, A. & Selman, L. (2022). How do funeral practices impact bereaved relatives’ mental health, grief and bereavement? OMEGA – Journal of Death and Dying, 85(2).
  • Bratton, S. u.a. (2005). The efficacy of play therapy with children: a meta-analytic review of treatment outcomes. Professional Psychology: Research and Practice, 36(4).
  • Lin, Y.-W. & Bratton, S. (2015). A meta-analytic review of child-centered play therapy approaches. Journal of Counseling & Development, 93(1), 45–58.